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Samstag, September 23, 2017

Serbien 2012 - "Forellenhof" (Teil 1/3)

Serbien 29.09.-06.10.2012-10-10 (Teil 1/3)
Teilnehmer: Andreas „Andi“ Voigt, Marc Große, Tobias „Tobi“ Ziegler, Wilke Reints, Oliver „Oli“ Kurtz, Danny Beiert, Darko Petkovic, Manuel „Manu Fio“ Fiore, Florian „Flo“ Hang, Steffen Kiesecker, Sven Bender

Nach vielen Monaten der Vorbereitung trafen sich die Projektteilnehmer am Abend des 29.09.2012 in Ungarn, um gemeinsam die Grenze zu Serbien zu überqueren. Nach vielen weiteren Stunden Fahrt erreichten wir voller Erwartungen unseren gemeinsamen Zielort , den  Aqualandwirt „Forellenhof“. Primäres Ziel für die kommenden 3 Tage war es, einen unbekannten Höhlenverlauf ab 123m Tiefe zu erkunden.

Im Zeichen dieses Vorhabens  musste viel Arbeit investiert werden: Habitat platzieren, Gasdepots anlegen, Scooter und Heiztanks in die Höhle verbringen,  etc.

Die Setup Dives wurden im Bereich von 21m bis 63m durchgeführt. Insbesondere der tiefere Setup Dive hatte es in sich. Marc und Andreas mussten jeder einen zusätzlichen Heiztank, zwei 140m Stages, einen Scooter und ein 18/55 Dekogas in dem sehr engen, senkrecht verlaufenden Schacht befestigen. Die beiden verwendeten zur Befestigung die bereits installierte Leine, teilweise wurden die Flaschenpakete zusätzlich mittels Leashes gesichert; ein ungewolltes Absinken musste unter allen Umständen verhindert werden.

Andreas, der diesen Tauchgang OC durchführte, sah wirklich beeindruckend aus - überall hingen Flaschen, Heiztanks und Scooter. Bei einem derart behängten Taucher ist es nicht mehr möglich alle Seitenflaschen links zu tragen, daher haben wir im Team speziell für diesen Fall einen zusätzlichen D-Ring am unteren Ende der rechten Doppelflasche angebracht. Hier können Flaschen komfortabel eingehängt werden, ohne allzu sehr die Freigabe der Long Hose zu gefährden.

Trotzdem verpufften die Flossenschläge der beiden Taucher fast wirkungslos. Andreas und Marc sahen irgendwie wie zwei „Flugzeugträger“ aus.

Beim Abtauchen passierten die beiden das bereits am Vormittag gesetzte Habitat entlang der Leine, die nun direkt in einen kurzen, aber engen Schaft führte. Marc stieß voraus, während Andreas die Schlaufe mit dem zu deponierenden Ausrüstungspaket vom Hüftgurt löste, nach vorne schwang und durch den Schaft an Marc weiterreichte. Danach ging es auch für ihn kopfüber durch den Schacht. Nach Wiederaufnehmen des übergebenen Ausrüstungspaketes und kurzer Orientierung tauchten beide entlang der vorbereiteten und markierten Leine in Richtung des eigentlichen Schachtes, der vom gerade durchquerten Schaft durch einen gezackten Gang mit deutlichen Höhenunterschieden getrennt ist.

Beim Dahingleiten fielen die Blicke immer wieder auf das sehr dunkle Gestein, dass stellenweise deutliche weiße Stellen aufwies, offensichtlich handelte es sich an diesen weißen Stellen um eine beschädigte Oxydationsschicht. Nach ca. 5min. Tauchzeit erreichten Marc und Andreas den Übergang zum eigentlichen Schacht. An dieser Stelle hat der Schacht max. noch 2x1m und einen elliptischen Querschnitt, was bei der mitgeführten Ausrüstungsmenge fast schon zu eng war. Die beiden waren gezwungen mit den Füßen voraus abzutauchen. Zuerst Marc, dann Andreas. Unmittelbar nach dieser „Engstelle“ wurde der 21m Gaswechsel erforderlich. Alles klappte wie am Schnürchen, die Sicht hatte sich sogar ein wenig verbessert, so dass fast komfortable 5m Sicht zur Verfügung standen. Nach Gaswechsel und gegenseitiger Überprüfung tauchten beide in den tiefen Teil der Höhle – bald sollte 63m Tiefe auf dem Display der Computer erscheinen...

Marc und Andreas waren tief beeindruckt, wie sich die Höhle im unteren Bereich schrittweise weitete um dann doch wieder zu einem schmalen Gang überzugehen – alles senkrecht – kaum waagerechte Formationen und immer pechschwarzes Gestein, dass förmlich jedes Licht sofort absorbiert.

Bei 63m wurden schließlich die beiden Depots für Tobias und Wilke errichtet und kurz vor dem Verlassen dieser bizarren Felsformationen ein letztes mal die abgelegten Seitenflaschen überprüft. Jetzt stand der Aufstieg bevor, vorsichtig folgten beide der Leine um so wenig wie möglich Schwebeteilchen aufzuwirbeln. Gott sei Dank gab es in derHöhle eine  kaum spürbare Strömung, so dass aufgewirbelte Schwebeteilchen langsam aber stetig zum Ausgang befördert wurden –  damit klarte zumindest über Nacht die Höhle wieder auf.


Ohne die Stages, Scooter und zusätzlichen Heiztanks konnten die beiden endlich die Höhle und ihre Formationen genießen. Die Sicht lag immer noch bei 5m, was aber auf Grund des engen Ganges, der ebenfalls max. 5m im Durchmesser aufwies, als verhältnismäßig gut wahrgenommen wurde. Bei den Dekostops ab 27m musste immer wieder improvisiert werden: die Höhle bot einfach nicht immer genügend Platz für beide Taucher um exakt die Tiefen einhalten zu können. Beide versuchten sich so gut wie möglich  im Gangprofil zu positionieren um wenigsten annähernd im vorgegebenen Tiefenbereich zu dekomprimieren.

Aber auch der schönste Tauchgang ist irgendwann zu Ende und nach knapp 2 Std. erreichten Marc und Andreas mit leuchtenden Augen den Quelltopf.

Am Ende des Tages waren alle Vorbereitungen abgeschlossen, das Habitat auf 7,4m platziert, die Gasdepots auf 21m, 36m und 63m erfolgreich angelegt und geprüft - dem Push Dive stand damit nichts mehr im Wege.

Push Tag, ein Erlebnisbericht von Wilke

Tobias und ich standen an unserem Push Tag recht früh auf. Ab 6:00 Uhr war eh nicht mehr an schlafen zu denken. Die Gedanken kreisten permanent um den Tauchgang und dessen Planung. Wird alles glatt gehen? Sind die Supporttaucher genau an der richtigen Stelle? Wie wird die Höhle ab 120m Wassertiefe aussehen? Finden wir einen Gang? Finden wir eine Fortsetzung? Können wir unsere  Grundzeit von 60min auf 120m Durchschnittstiefe, bei max. 140m Tiefe voll ausschöpfen?

Tobias und ich beschlossen, dass wir uns in Ruhe auf den Tauchgang einstimmen wollten, etwas abseits von den Anderen haben wir uns auf der Terrasse an einen Tisch gesetzt und gemütlich unser Wasser getrunken -  mittlerweile bereits die zweite 1,5l Mineralwasserflasche. Die restlichen Teammitglieder waren bereits voll im Arbeitsprogramm.  Die einen bereiteten ihre Ausrüstung vor, während sich andere bereits umzogen, an einer anderen Stelle wurden noch Flaschen gefüllt. Alles erfolgte unter dem begleitenden Motorengeräusch unseres Kompressors.

Uns war das zu viel Trubel und wir stellten fest, dass die Terrasse ein sehr guter Ort zum Umziehen ist. Also Thermounterwäsche angezogen, und das Treiben des Teams aus der Ferne beobachtet.

Irgendwann kam das Zeichen „Fertigmachen zum Tauchen“. Das war der Moment auf den wir nun schon seit Monaten warteten. Schlagartig wurde es ernst: Heizweste anlegen und  Trockentauchanzug anziehen; man achtet automatisch peinlich genau auf jede Einzelheit: Sitzt der Anzug? Sitzt die Heizweste? Funktioniert die Entwässerung ;-) ? Man kann tun was man will, aber wenn ein 140m Tauchgang mit 60min Grundzeit unmittelbar bevorsteht, steigt der Puls – ob man nun will oder nicht aber Körper und  Geist sind sehr angespannt.

Am Tauchplatz standen unsere beiden Doppel 20 Rebreather Frames fertig vorbereitet auf dem Rentnertisch. Wir führten unter Beobachtung der Teammitglieder unsere Rebreatherchecks durch. Funktioniert der Switchblock? Dichten die O-Ringe den Rebreather korrekt ab? Sind die Gegenlungen in einem einwandfreien Zustand? Ist das OC-Mundstück funktionsbereit? Hier darf sich kein Fehler einschleichen, nichts darf ab jetzt mehr dem Zufall überlassen werden. In dem Bereich, in den wir im nächsten Moment eintauchen werden, zieht jeder Fehler, jedes Problem schnell katastrophale Folgen nach sich.

Der Rebreather wiegt fast 100kg und beim Hineinschlüpfen ächzt man wie ein stark überladener Packesel; der Trockentauchanzug schränkt einen sowieso schon ein und allein das Hinabgleiten  vom Rentnertisch ins Wasser bringt den Puls auf 140 Schläge pro Minute. Anstrengung und Aufregung stehlen einem fast den Atem und in unseren Gesichtern erkennt man deutlich den Stress,  dem wir ausgesetzt sind. Kein Grinsen, kein lustiger Spruch – auch den anderen steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben – wenn jetzt was schief geht ist unter Umständen die gesamte Vorarbeit umsonst. Alles wird doppelt und dreifach geprüft und jeder Handgriff erfolgt unter den prüfenden Blicken der Teammitglieder - man spürt förmlich wie ein Gedanke in allen Köpfen regelrecht pocht: „Hoffentlich klappt alles wie geplant“.

Dieser Moment ist der aufregendste von allen. Man steht im Wasser mit einem wahnsinnig schweren Tauchgepäck auf dem Rücken, kann sich über Wasser kaum noch bewegen und ist im Begriff so tief in eine Höhle abzutauchen, dass viele einen solchen Tauchgang als lebensmüde bezeichnen würden. Das Risiko ist tatsächlich nicht zu unterschätzen, aber Vorbereitung, Professionalität, Teamgeist, Buddy Awareness und viel Erfahrung geben schlussendlich die notwendige Sicherheit um doch abtauchen zu können.

Es ist schon komisch: über Wasser zittert man fast vor Aufregung, aber kaum ist der Kopf unter Wasser schon beruhigt sich alles innerhalb weniger Sekunden. Es ist als wäre man angekommen. Obwohl noch kein Meter getaucht wurde weiß man „hier ist man richtig“, kein Trubel, kein Lärm nur noch das leise, kaum wahrnehmbare Zischen des Rebreathers. Einfach nur Stille. Diese Stimmung und Eindrücke sind einzigartig und nur beim Tauchen zu erfahren. Die Ruhe, die Leichtigkeit der Bewegung, die Gewichtslosigkeit im Wasser stehen in einem totalen Widerspruch zu den Erfahrungen über Wasser. Alle Aufregung, jeder Stress fällt augenblicklich von einem ab und man ist bereit, den Tauchgang ohne Stress und ohne „ungutes Gefühl“ zu starten.

Das Abtauchen verläuft nach Plan, das Habitat befindet sich im Eingangsbereich und wird  von uns oberflächlich innerhalb von schätzungsweise 2min. inspiziert. Die Sicht hatte sich über Nacht beruhigt und wir erkennen sofort, dass Heiztanks, Sauerstoff und Breakgas korrekt am Habitat montiert sind. Also gleiten wir langsam in Richtung Höhleneingang. Die erste Röhre hat wenig Einladendes und erinnert mit ihren schwarzen Wänden und schlechten Sichtweiten eher an ein Bergwerk als an eine Unterwasserhöhle. Erst jetzt beginnt der eigentliche, senkrecht verlaufende Schacht – an dieser Stelle befinden wir uns bereits auf 21m und der erste Gaswechsel steht bevor. Wir überprüfen die Backup-Dekogase, die für eine Notfall OC Deko deponiert wurden und wechseln unser 50/25 gegen ein 18/55 Gas, um dem Verlauf der Höhle bis zum letzten Gasdepot auf 63mzu folgen.

Ich tauche voran, stets den Lampenkegel von Tobias im Auge – Tobias folgt mir mit einem Abstand von ca. 2m. Wir folgen kontinuierlich dem schwarzen, senkrecht nach unten verlaufenden Schacht. Stellenweise wird es enger, so dass unsere Flaschen immer wieder gegen die Felswände schlagen und wir unsere Sinkgeschwindigkeit reduzieren müssen.

Andererseits ist es auch wieder so breit, dass bequem nebeneinander abgetaucht werden kann. Wir sinken und sinken. Mit ca. 10m pro Minute sind wir permanent mit dem Druckausgleich beschäftigt und können wenig auf die bizarren Felsformationen achten.

Unsere letzte Gas-Station vor dem Unbekannten liegt auf 63m Wassertiefe. Jetzt wird das 140m Gas, ein 8/80er aufgenommen, das 18/55 in der Leash verstaut und der Scooter eingeklinkt. Die Sicht in diesem Bereich beträgt komfortable 7 bis 8m bei sehr wenig Sediment und wenig Perkulation - also eigentlich eine Standardsituation. Dennoch kontrollieren wir uns gegenseitig sehr genau, denn keiner von uns will aus Versehen ein 18/55 in 140m Wassertiefe atmen. Das 18/55 im Leash haben wir zur Sicherheit dabei, weil wir nicht wissen wie der Gangverlauf sein wird. Mit dem 140m Gas können wir nur bis knapp 60m auftauchen . Man kann sich vorstellen wie blöd es wäre, wenn wir nach den bekannten 123m Tiefe einem Höhlenverlauf auf kleiner 60m hätten folgen müssten und nicht könnten – daher das 18/55 um schlussendlich einen Tiefenbereich von 140m bis 21m abdecken zu können.

Ab dem 63m Stopp steigt die mentale Belastung. Jeder von uns weiß, dass wir ab jetzt die „Zivilisation“ verlassen und wir in Gebiete vordringen, die lebensfeindlicher nicht sein könnten. Der Abstieg geht auch hier verhältnismäßig schnell. Die Sicht beträgt noch immer 5m, wir passieren die 70m, die Höhle wird größer, wir passieren 80m, der Gangverlauf wird enger und wir sinken weiter in Richtung 90m Wassertiefe ab. Immer wieder scheuern unsere Flaschen mit nervigen Schleifgeräuschen gegen die Felswände. Wir steigen immer schneller ab und plötzlich -  völlig unerwartet- bricht die Sicht schlagartig zusammen. Ohne Vorwarnung befinden wir uns in einer milchigen „Brühe“ bei einer Sicht von max. 2m. Unwillkürlich kneife ich die Augen zusammen um etwas mehr in die Ferne schauen zu können. Leider bringt das gar nichts, die Sicht bleibt natürlich schlecht und die Orientierung in der Höhle wird extrem anspruchsvoll – jetzt bloß nicht die Leine aus den Augen verlieren!

Wir tauchen unfreiwillig und viel zu schnell in diese milchige Glocke aus feinstem Sediment. Unsere 21W HID Brenner sind fast zu schwach und die Umgebung verdunkelt sich schlagartig. Der Lichtkegel von Tobias ist nun kaum noch zu erkennen, obwohl er sich gerade mal 3m von mir entfernt aufhält. Wir bremsen den Abstieg, mittlerweile zeigt der Tiefenmesser 100m an und die Sicht wird nicht besser. Mit einem Abstand von 50cm zur Wand sinken wir vorsichtig in Richtung >Höhlengrund – immer die Leine direkt vor den Augen. 110m und immer noch kein Grund zu sehen, 120m und weiterhin kein Grund sichtbar – und plötzlich bei 121m taucht schemenhaft der Boden unter uns auf. Zunächst denkt man, dass die Augen einem einen Streich spielen, aber mit zunehmender Sicherheit erkennt man nach und nach den Grund. Wir haben beide Mühe unsere Wings so auszutarieren, dass wir nicht in das feine Sediment einschlagen. Wäre das passiert, hätten wir uns sofort aus den Augen verloren und wir hätten vermutlich abbrechen müssen.

Wir sind  jetzt also tatsächlich am Grund dieser Höhle angekommen, eine 123m Wassersäule steht über unseren Köpfen inkl. der zig Tonnen schwarzen Gesteins. Der einzige Weg nach oben besteht aus einem engen dunklem Gang – irgendwie hat das was.

Die Sicht beträgt 1m und die Orientierung fällt schwer. Erstmal durchatmen und die eigene Lage überprüfen. Ausrüstung o.k.? Tauchpartner o.k.? Ein kurzes Abfragen per Lampenkommunikation bestätigt, dass wir gesund und munter an unserem vorläufigen Ziel angekommen sind. Die Anspannung seit dem Eintauchen in die milchige Glocke weicht allmählich einem neuen Gefühl: „Wie geht es hier wohl weiter?“ Das ist es was Exploration ausmacht. Wir befinden uns an einer Stelle, die Menschen zuvor noch nie gesehen haben.Seit Millionen von Jahren gibt es diesen Fleck auf unserer Welt und Tobias und ich sind die ersten Menschen auf der gesamten Welt, die diesen Bereich erforschen können – ein unglaublich erhabenes Gefühl! Prompt schießen einem die nächsten Gedanken in den Kopf: „Wo ist das Leinenende? Wie verlaufen die Wände? Wo geht's am ehesten weiter?“ Jetzt will man's wissen! Nach dem kurzem Kopfkino konzentrieren wir uns wieder auf unsere Arbeit, Tobias und ich legen unsere zweite 140m Stage, wie beschlossen ab, weniger Ausrüstung erhöht die Bewegungsfreiheit und macht uns etwas schlanker – in dieser Umgebung eine willkommene Eigenschaft.

Wir befestigen unser Reel und beginnen neue Leine zu legen. Wir folgen intuitiv dem Wandverlauf und tatsächlich: vor uns tut sich ein Gangverlauf auf. Er verläuft leicht steigend und wir folgen ihm langsam aber vorsichtig. Überall liegt feinstes, hellbraunes Sediment. Die kleinste Berührung löst sofort einen Siltout aus. Der Einsatz unserer Scooter ist hier definitiv nicht möglich. Natürlich weiß man nie was einen erwartet und man hofft immer wieder das sich die Sicht verbessert und das der Einsatz der Scooter vielleicht noch möglich wird. Aber an diesem Ort verbesserte sich leider nichts, wir explorieren und verlegen die Leine vorbildlich und konzentrieren uns auf unsere Arbeit.

Nach ca. 100m wird der Gang enger und enger, während die Tiefe kontinuierlich abnimmt. Durch die Enge schlagen unsere Flossen immer häufiger gegen die Wand und lösen augenblicklich kleine Sedimentlawinen aus. Wir wissen, dass wir den gleichen Weg wieder zurück müssen und bereiten uns bereits seelisch darauf vor per Touch Kontakt zur Leine diesen Teil der Höhle zu verlassen. Der Gang endet – nichts zu machen! Ein weiteres Vorstoßen ist leichtsinnig, es bringt nichts, sich mit einer Doppel 20 inkl. Rebreather, einem Scooter, einem Heiztank und zwei Stages  in das Ende einer Höhle zu pressen. Wie beschließen umzukehren. Nach ein paar Metern Rückweg befestige ich die Leine an einem großen Stein und wir treten den Rückweg an.

Der Rückweg ist alles andere als schönes Höhlentauchen:  dicht an der Leine heißt es nun vorsichtig raustauchen. Durch die schlechte Sicht und die daraus resultierende Nähe zur Leine, müssen wir beide höllisch aufpassen, dass wir uns nicht in der Leine verfangen.

Nach 36min zwischen 123 und 90m erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt bei 123m Tiefe. Wir nehmen unsere abgelegte Stage auf und beginnen mit dem Aufstieg. Ein langes Auftauchen steht bevor und es sollte ab jetzt noch fast 9 Std. dauern bis wir wieder den Kopf aus dem Wasser strecken können… eine lange Zeit um den Tauchgang mehrfach in „Zeitlupe“ geistig Revue passieren zu lassen.

Im 60m-Bereich werden wir das erste mal von dem Deep Support empfangen: Oliver, Danny und Darko nehmen uns die nicht mehr benötigten Gase ab, erkundigen sich über den Verlauf und die jetzt bevorstehende Dekozeit. Nachdem die Drei feststellen, dass bei uns alles o.k. ist, tauchen sie gemäß ihrem eigenen Dekoplan auf. Tobias und ich haben nun unsere eigenen, wesentlich längeren Dekostops durchzuführen.

Erst auf dem 21m Stop begrüßt uns das Shallow Support Team – selbstverständlich planmäßig, um wieder nicht benötigtes Equipment abzunehmen. Der Plan, dass Tobias und ich die Höhle komplett aufräumen und kein Equipment hinterlassen funktioniert - schlussendlich spart dies viel Zeit. Aber im engen Teil der Höhle hat die zusätzliche Ausrüstung mächtig genervt. Es ist einfach extrem unkomfortabel sich stabil zu platzieren, wenn um einen herum soviel Ausrüstung baumelt. Der Tauchpartner ist über oder unter einem und das Thema “Buddy Awareness” funktioniert nur noch per Lampenkegel – zeitweisen Blickkontakt – wie ich ihn persönlich gerne bei der Deko habe ist hier unmöglich.

Der 12m Stop stellt uns noch vor eine Herausforderung. In diesem Bereich ist die Höhle extrem eng, so dass ein Taucher mit einer D20 und weiteren Flaschen eigentlich gar keinen Platz hat. Umso interessanter ist es für das Shallow Team zu sehen, wie wir uns in den Fels einkeilen - selbst ein Fisch kommt hier nicht mehr durch. Aber nach knapp 50min. ist auch dieser Stop vorbei und der Weg zum Habitat kann angetreten werden.

Wir folgen dem Verlauf der Höhle und trafen bereits wenige Minuten nach Durchführung des 12m Stops in der "Habitathalle" ein. Tobias besteigt zuerst das Habitat, danach komme ich an die Reihe - auch hier wird durch das ständige Arbeiten viel Sediment aufgewirbelt, so dass Kameramann Sven alle Mühen hat überhaupt brauchbares Filmmaterial einzufangen.

Der Einstieg in das Habitat ist vergleichbar mit einem eleganten Tanz - Oliver und Danny kümmern sich mit einer bemerkenswerten Professionalität um uns: die beiden sind zu diesem Zeitpunkt  immerhin schon über 4 Std. im Wasser! Oliver berichtet später, dass der Platz um das Habitat sehr eng war und er massiv improvisieren musste, aber Tobias und ich bemerkten das überhaupt nicht, wir sind beide in Windeseile aus unseren Rebreathern geschlüpft und sicher ins Habitat eingetaucht.

Selbstverständlich haben wir Hunger und ein weiteres Team bereitet die "Fressbox" vor. Die Zeit im Habitat haben wir uns mit der GoPro Kamera, Essen und Sauerstoff/Breakgas Atmung (12min O2/8min Break mit 18/45) vertrieben . Alle Stunde taucht ein Supportteam zu uns hinab um sich über den Gesundheitszustand zu informieren - aber alles läuft nach Plan und Komplikationen sind in weite Ferne gerückt.

Die Zeit im Habitat vergeht verhältnismäßig schnell, leider setzte über Wasser bereits am Nachmittag Regen ein, so dass es zwischen Habitat und Oberfläche zumindest im Bezug auf die Luftfeuchte keinen nennenswerten Unterschied gibt.
Das finale Auftauchen wird daher auch für die an Land gebliebenen Teammitglieder zu einer letzten Geduldsprobe, nach weiteren 35min. O2 auf den Tiefen 6,5,4,3 und zwei Meter streckt Tobias als erster den Kopf durch die Wasseroberfläche, kurz danach folge ich, begleitet von "Schutzengel" Darko.

Alle Mitglieder stehen mit einem breiten Grinsen am Ufer, ein kleiner Applaus heißt uns  willkommen - ein voller Erfolg liegt hinter dem Team. Neben den Wetnotes-Nachrichten, die schon jeder kannte wurden wir jetzt mit Fragen bombardiert, wie ging es weiter? Wie tief wart ihr? Wie sieht es dort aus? In ausgelassener Stimmung haben wir haarklein unser Erlebtes wiedergegeben. Ein cooler Dive ;-)

Noch während der Deko der Pushtaucher wurden durch die Supportteams  die Flaschendepots der Leer- und Sicherheitsflaschen aufgelöst. Unmittelbar nach Austauchen der Pushtaucher konnte daher noch am selben Abend das Habitat an die Oberfläche gebracht und die Einstiegsleine entfernt werden.
Unser erstes Projektziel war damit erfolgreich erreicht, so dass sich alle Beteiligten – zum Teil noch im Tauchanzug – unter Flutlicht ein Deko-Bier gönnen konnten. Darko hat es schön formuliert als sich alle bei ihm für diesen Teil des Trips bedankt haben: "Es hat sich gelohnt!"

Terminbedingt mußten leider Manuel und Florian hier abbrechen und den Rückweg nach Deutschland antreten.

Somit war der 03.10.2012 ganz der Verladung der Ausrüstung, dem letzten Aufräumen und der Verlegung nach Nis gewidmet. Das Fahrziel konnte trotz heißlaufender Kupplung am Sharan von Darko, Steffen und Sven mit Zwischenstopps rechtzeitig erreicht werden. Die Zwischenstopps dienten dem Filmen als auch dem Besuch des serbischen Nationalheiligtumes Crkva sv. Trojice. Noch auf der Autobahn nach Nis trafen wir auf eine serbische Polizeieskorte, die uns mit Blaulicht zu unserem Termin beim Oberbürgermeister von Nis und der örtlichen Presse brachte. Was für ein Erlebnis! Gerne übergaben wir ihm und unserer serbischen Partnerin die vorbereiteten Geschenke. Ein Höhepunkt des Treffens war ganz sicher die Unterzeichnung des vorbereiteten Vertrages mit der Region Nis, der die Cavebase verpflichtet, auf allen Serbienprojekten Station in Nis zu machen und die  Projektergebnisse mit den dortigen Verantwortlichen zu teilen.

Der Abend stand ganz im Zeichen der Stadt Nis, das alle Beteiligten nach der einfachen bäuerlichen, aber trotzdem ausreichenden und guten  Versorgung der vergangenen Tage gerne genossen.

Der nächste Tag sah uns dann auf einer scheinbar endlosen Fahrt in die Region Pirot. Hier galt es einen Quellzulauf zu erforschen. Bedingt durch die örtlichen Gegebenheiten erreichten wir unseren Tauchplatz sehr spät. Dennoch stiegen Darko und Danny in die höhlentaucherisch jungfräuliche Quelle ein und verlegten die ersten Meter Leine!

Glücklich über den sich anbahnenden zweiten Erfolg stieg das zweite Team mit voller Montur (D-20 Kreisel und zahlreiche Seitenflaschen) ins Wasser. Den ersten Dämpfer gab es bereits im Höhlenpool, als sofort eine Tauchlampe ausstieg und ausgetauscht werden musste. Drei Restriktionen später war bereits in 21 m Tiefe endgültig Schluss, als Andreas beim dritten Versuch ohne Weiterkommen feststeckte. Es war Zeit, den Tauchgang abzubrechen, zu reflektieren, die Ausrüstung,das weitere Vorgehen in Ruhe zu überdenken und zu besprechen. In aller Ruhe gaben sich die Taucher das Zeichen zum Auftauchen und traten den Rückweg durch die überwundenen Restriktionen an. Auch hier war wieder das Ab- und Umbauen der Ausrüstung nötig, so dass doch bald 40 min vergangen waren, ehe der Quelltopf erreicht war. Damit war es für heute zu spät für einen neuen Versuch.
Am Abend besprachen wir die Ereignisse des Tages und den Plan für die restlichen Tage, es stand noch ein Treffen mit dem serbischen Minister für Umwelt bevor. Und wir hatten noch die Möglichkeit an einer weiteren, nicht erforschten Höhle zu tauchen – nicht ganz unkritisch, denn es ist bekannt, dass der Eingangsbereich im extrem trübem Wasser liegt – hier kann ausschließlich nur per Touch Kontakt zur Leine in den Pool getaucht werden. Zu allem Überfluss wird die Höhle speziell im Eingangsbereich auch noch so eng, dass ein Taucher mit einem größeren Gerät sofort stecken bleibt. Bei Null Sicht kein schöner Gedanke.

Diese Höhle machte ihrem Ruf alle Ehre, wateten wir doch bei den Vorbereitungen knöcheltief durch den klumpigen, feuchten und rutschigen  Schlamm. Fast konnte man das Kichern der Fledermäuse hören, die zum Teil nur einen oder zwei Meter entfernt hingen und unser Treiben beobachteten. Wir bissen die Zähne zusammen und brachten trotzdem die beiden Taucher Darko und Danny  ins Wasser. Beide hatten sich in einer Reihe von Null-Sicht-Tauchgängen auf den Weg in die Höhle und wieder heraus vorbereitet.

Schon am Pool waren wir überrascht, als sich die trübe Sicht auf den Quelltopfrand zu beschränken schien und die Lampen nach dem Abtauchen noch verhältnismäßig lange zu sehen waren. Umso größer war unsere Überraschung als 40 min später Darko und Danny jubelnd wieder durch die Wasseroberfläche brachen. Suuuuuper Sicht und beste Verhältnisse im Höhlenverlauf waren die Belohnung für unser Durchhalten.

Glücklich erreichten alle wieder den Parkplatz, auf dem nun scheinbar wie bestellt der Minister eintraf. Noch in voller Tauchmontur berichteten Darko und Danny dem Minister und dem serbischen Fernsehen von ihrem Tauchgang. Auf welches Wohlwollen wir trafen, zeigt die Tatsache, dass die Cavebase der noch namenlosen Höhle nun einen Namen geben durfte. Schnell war klar, dass dieses Recht an Darko gehen musste, der durch seinen intensiven, aufopferungsvollen Einsatz uns dieses Projekt erst ermöglicht hatte. Es war ein bewegender Moment als Darko sich entschied die Höhle nach seinem Sohn zu benennen. Wir können also stolz berichten, dass die Cavebase die „Adrian“ Höhle nicht nur zum ersten mal betaucht hat, sondern ihr auch einen Namen geben durfte.


Fast man diese Woche in einem Satz zusammen, dann würde dieser wie folgt lauten:
„Die Cavebase hat in nur einer Woche drei Höhlen weiter- bzw. neu verleint – dabei wurde bis zu 123m tief getaucht und gleich zweimal wurden neue Höhlensysteme entdeckt und  z.T. ausgeleint“

Das hat es bis jetzt noch nicht gegeben und ist nur deshalb möglich, weil jeder im Team mit vollem Einsatz und ohne Vorbehalte auf ein Ziel hin arbeitet: „Höhlentauchen auf höchstem Niveau zu betreiben“

In diesem Sinne,

Eure Cavebase

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